Vorstellungsgespräch: Lügen haben kurze Beine

Vorstellungsgespräch: Lügen haben kurze Beine

    HR Software verschafft im Recruiting bereits jede Menge Erleichterung. Der Algorithmus übernimmt zum Beispiel den Abgleich gesuchter Fähigkeiten mit den Skills, die ein Kandidat in seinem Lebenslauf auflistet. Andere Software Lösungen forschen im WWW nach Talenten mit Spezialkenntnissen. Wieder andere unterstützen Personaler bei Assessment Centern. Doch eines kann HR Software nicht: Den direkten Austausch im Vorstellungsgespräch simulieren. Und da tragen Talente hin und wieder ein ganz klein wenig dicker auf als es sein müsste. Wie man den Schummeleien auf die Schliche kommt…

    Nennen wir die Tatsachen doch einmal beim Namen: In Jobinterviews  wird manchmal geschummelt und gemogelt, was das Zeug hält. Hier werden Sachverhalte schöner geredet als sie sind, dort fallen dunkle Flecken in der Vita komplett unter den Tisch.

    Vorstellungsgespräch: Wo beginnt eine Lüge?

    Das ist menschlich und auch so lange im grünen Bereich, so lange die Schwindeleien nicht über ein gewisses Normalmaß hinausgehen: Leichte Schönheitskorrekturen sind erlaubt, feiste Lügen dagegen nicht – das ist Vorspiegelung falscher Tatsachen.

    Aber wo genau beginnt eine Lüge im Vorstellungsgespräch? Das ist leider nicht ganz eindeutig zu beantworten. Die Grenzen sind fließend. Werden hier und da Fähigkeiten von “gut” auf “sehr gut” getuned, oder das Interesse an der vakanten Stelle größer dargestellt, als es in Wirklichkeit ist, so mag das noch durchgehen.
    Denn das erste  Bewerbungsgespräch ist ähnlich wie ein Flirt: Man versucht sich beim ersten Zusammentreffen von seiner Schokoladenseite zu präsentieren. Und mal ehrlich. Letztlich handhabt es der Arbeitgeber ja selbst nicht anders. Hier würde auch kein Recruiter ein Vorstellungsgespräch mit einer Mängelliste des eigenen Unternehmens eröffnen.

    Vorstellungsgespräche sind keine Schauspielcontests

    Doch der gegenseitige Zauber erlischt im zwischenmenschlichen wie im Bewerbungskontext schnell, sobald heraus kommt, dass das Gegenüber es mit der Wahrheit ganz und gar nicht genau nimmt. Lug und Trug sind weder eine Grundlage für die Liebe noch für eine Arbeitsbeziehung.
    So manch geschönter Wahrheit ist aber nur schwer auf die Schliche zu kommen. Mit ein paar Tricks können Recruiter Lügen im Vorstellungsgespräch aber ziemlich leicht entlarven.

    Schon aus dem Smalltalk mit dem Kandidaten können Recruiter im Vorstellungsgespräch eine ganze Menge “herauslesen”. Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass in dieser Phase des Jobinterviews die Wahrheit zur Sprache kommt. Warum auch nicht? Man tauscht schließlich nur Belanglosigkeiten aus:

    • Das Wetter ist ja nicht so dolle heute.
    • Stimmt.
    • Schade, ich wollte nachher noch ins Schwimmbad….
    • Wird wohl nichts!

    Was der Smalltalk im Vorstellungsgespräch über den Bewerber aussagt

    Hierbei geht es aber weniger darum, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Der Personaler kann hier das Verhalten des Kandidaten ablesen, das er an den Tag legt, wenn er ganz bei sich ist und nicht flunkert. Genau so sind Gestik, Mimik und Stimme also im Normalfall.
    Der erfahrene Beobachter kann dieses Verhaltensmuster im weiteren Gesprächsverlauf immer wieder als Parameter heranziehen und daraus Rückschlüsse ableiten: Wahrheit oder Lüge? Gerät eine Person nämlich zu sehr auf Abwege der Wahrheit, verändert sich seine Körpersprache massiv.

    Die Körpersprache im Vorstellungsgespräch

    Ein paar Beispiele:

    1. Die Stimme wird schriller
    2. Das Sprachtempo nimmt zu: Lügner sprechen meist etwas schneller, weil sie ihre Flunkerei schnell hinter sich bringen wollen.
    3. Auch die Satzlänge verändert sich. Lügner sprechen eher kurze Sätze – sie wissen schließlich noch nicht, wie ihre Story endet.
    4. Auch die Sitzposition verrät viel über den Wahrheitsgehalt des Erzählten: Herabhängende Schultern zeigen oft – hier schleppt jemand die Bürde der Lüge auf seinen Schultern.
    5. Und dann wäre da noch der Blick: Schaut der Bewerber dem Recruiter direkt in die Augen? Oder weicht er dem Blickkontakt aus? Ein schlechtes Signal!
    6. Das Bewegungsmuster: Nehmen hektische Bewegungen zu oder gestikuliert der Kandidat plötzlich heftiger als vorher, rutscht er wohlmöglich unruhig  auf seinem Stuhl hin und her, ist das ein klares Signal: Dieser Mann oder diese Frau fühlt sich gerade überhaupt nicht wohl in seiner Haut.
    7. Fasst sich das Gegenüber mehrfach an den Kragen und versucht ihn zu weiten? Auch hier ist Vorsicht angeraten: Die Luft wird offenbar dünner.

    Zu starke Emotionen? Vorsicht ist angeraten!

    Ungeübte Lügner verraten sich überdies oft durch zu intensive Emotionen. Meist fallen diese bei Schauspielereien zu heftig aus und dauern länger als echte Gefühle. Denn eigentlich soll durch diese Übertreibungen eines erzeugt werden: Glaubwürdigkeit. Doch der Schuss geht meist nach hinten los.
    Doch bevor Personaler hinter jeder Aussage eine potenzielle Lüge wähnen, gilt es diese Beobachtungstechniken genau und intensiv zu üben.
    Nicht jeder Schweißtropfen, nicht jedes Zucken oder jede Hautrötung deuten unweigerlich auf einen Betrug hin: Vielleicht ist dem Bewerber auch einfach nur heiß? Nur wenn mehrere eindeutige Indizien gleichzeitig zusammenkommen, ist Misstrauen angezeigt.

    Misstrauen: Lieber noch einmal nachhaken

    Dann sollte der Recruiter nochmals nachhaken. Und zwar an der Stelle, an der die Story unglaubwürdig zu werden begann. Oft helfen Einleitungen wie: “Ich will das gar nicht all zu sehr vertiefen, aber mich interessiert doch, wie Sie all das, was sie da eben aufgezählt haben in so kurzer Zeit unter einen Hut bekommen haben: Studium, Job, Kinder, Haushalt, Berufseinstieg, Weiterbildungen. Sind sie sicher, dass Sie in den letzten vier Jahren auch nur eine Nacht geschlafen haben?“

    Meist stürzt das Kartenhaus dann von alleine zusammen und der Kandidat räumt ein, dass er das eine oder andere doch nicht so intensiv betrieben hat, wie eben noch angegeben.
    Manchmal steckt dahinter aber keine Boshaftigkeit, sondern die Angst, nicht genommen zu werden, wenn man nicht den perfekten Lebenslauf vorlegen kann. In einem solchen Fall kann es sich trotz vorausgegangener Flunkereien durchaus lohnen, das Vorstellungsgespräch fortzusetzen. Bewerber sind auch nur Menschen!

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